LandesAstenKonferenz Berlin Wohnen

Bericht: "Ich kam mir vor wie in einer schlechten Castingshow – es war die Rede von Favoritenlisten, Pluspunkten und Finale."

Eingesendet von Katharina, FU-Studentin.

Am 21.09. fand ich endlich die langersehnte Zusage für den Master an der FU in meinem Briefkasten. Die Freude darüber war groß – wurde jedoch schnell von einem großen Problem überschattet: Der Wohnungssuche. Durch die Kurzfristigkeit der Zusage - kein Nachrückverfahren, sondern der von der FU als regulär angegebene Rückmeldezeitraum – war es mir kaum möglich, im Vorfeld nach einer Bleibe zu suchen. Mir war klar, dass die Suche nicht einfach werden würde und der Oktober sicherlich der ungünstigste Zeitpunkt ist, jedoch hatte ich keine Wahl, da mein vorheriger Studienort über 300 km von Berlin entfernt ist. Also begann eine tägliche Routine: WG-gesucht.de konsultieren, Facebook-Gesuche veröffentlichen und alle neuen Bekanntschaften an der Uni zunächst zu fragen, ob sie vielleicht jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt… Bei vielen sieht die Situation jedoch ähnlich aus. Ich habe noch Glück im Unglück, da ich zunächst im WG Zimmer meines Freundes unterkommen konnte; andere sind jedoch gezwungen, horrende Summen für Hostels oder Zwischenmieten auszugeben.

Dennoch ist dies natürlich keine Dauerlösung: 14 Quadratmeter für zwei Personen ist schlicht zu wenig, ganz abgesehen davon, dass ich von dem Hauptmieter zwar geduldet werde, jedoch natürlich erwartet wird, dass ich zeitnah eine eigene Unterkunft finde. Nahezu mein ganzer Besitz befindet sich in Kartons einige hundert Kilometer entfernt, ich habe keinen eigenen Schreibtisch und habe das Gefühl, ständig irgendjemanden auf die Nerven zu gehen und nur geduldet zu werden – keine optimalen Startbedingungen für ein erfolgreiches Studium.

Inzwischen habe ich aufgehört zu zählen, wie viele WG-Anfragen ich geschrieben habe, es dürften wohl an die 100 sein. In vielleicht zehn Prozent der Fälle erhalte ich Antworten, wenn auch zum Teil recht unerfreuliche: Da ist die Miete plötzlich doch höher, der Zeitraum befristet oder die Mitbewohnner_innen plötzlich nicht mehr Mitte 20, sondern Mitte 50. Hinzu kommen einige dubiose Angebote, deren Intention sich eindeutig auf den zweiten Teil eines Wohnverhältnisses bezieht.

Um die Chancen zu erhöhen, fahre ich mehrgleisig und schaue parallel in zwei Konstellationen mit Mitstreiterinnen nach einer Wohnung zwecks einer WG-Neugründung und einer gemeinsamen Wohnung zusammen mit meinem Freund. Auch hier ist die Erfolgsquote bisher mehr als gering: Wohngemeinschaften werden häufig schon in der Beschreibung kategorisch ausgeschlossen, eigene Einkünfte in Höhe der dreifachen Monatsmiete gefordert oder Bürgschaften prinzipiell abgelehnt. Immerhin habe ich das Glück, überhaupt über eine zu verfügen. Hier zeigt sich wieder einmal die starke Abhängigkeit von den Eltern – wer schlechter verdienende hat, wird systematisch benachteiligt. Dies ist auch auf die Mietpreise bezogen: Meine Schmerzgrenze für die monatliche Miete liegt bei 400 Euro – viel Geld für ein Zimmer und anteilige Gemeinschaftsräume, oft jedoch nicht einmal für 10 Quadratmeter genug. Ich selbst erhalte zwar kein Bafög, sondern Unterhalt von meinen Eltern und arbeite neben dem Studium, jedoch sei an dieser Stelle angemerkt, dass die dabei veranschlagte Pauschale von 250 Euro schlicht unrealistisch ist.

Auch Besichtigungen sind kein Spaß: Zunächst kommt der Terminvorschlag, den man sich gar nicht abzulehnen traut vor lauter Angst, dann gleich wieder ausgeladen zu werden. Hat man es dann geschafft, die Adresse zu finden und während des Gesprächs geradezu detektivisch darauf zu achten, ja nichts falsch zu machen, die Erwartungen zu erfassen und diesen ungefähr zu entsprechen, wartet man oft vergeblich auf eine Rückmeldung. Zwei Mal hatte ich das Gefühl, dass es wirklich gut gelaufen war – und hörte nie wieder etwas, nicht mal eine Absage. Ein anderes Mal wurde ich mit einer Rückmeldung immer wieder auf den darauffolgenden Tag vertröstet – nach dem fünften habe ich aufgehört zu fragen. Ein dritter schließlich inszenierte eine Spannung, bei der ich mir vorkam wie einer schlechten Castingshow – es war die Rede von Favoritenlisten, Pluspunkten und Finale.

So suche ich nun bereits seit fast einem Monat, täglich und gemischten Gefühlen. Ständig mit einer Hand am Smartphone, um ja keine wichtige Nachricht im entscheidenden Moment zu verpassen und immer wieder mit potentiellen schnellen Veränderungen konfrontiert, die sich dann wieder zerschlagen. Das macht das Ankommen schwer. Gern würde ich auch in einen Sportverein eintreten, da ich jedoch nicht weiß, in welchen Stadtteil ich letztlich lande, wäre das aktuell wenig sinnvoll. So suche ich weiter (was bleibt mir auch Anderes übrig) und hoffe, dass sich sowohl für mich persönlich als auch für die vielen anderen Studierenden bald etwas ändert und dieses Problem mehr politische Aufmerksamkeit findet.

Pressemitteilung: LAK Berlin reagiert auf akute Wohnungsnot unter Studierenden

Die LandesAstenKonferenz Berlin (LAK) fordert den Berliner Senat auf, kurzfristig Notunterkünfte für Studierende einzurichten. Damit reagiert die LAK auf steigende Wohnungslosigkeit unter Stu­dierenden, die zum Wintersemesterbeginn 2017 neue Ausmaße annimmt. Darüber hinaus ruft die LAK betroffene Studierende dazu auf, persönliche Erfahrungsberichte über prekäre Wohnsituatio­nen und Wohnungslosigkeit einzusenden.

Auf Initiative der LandesAstenKonferenz Berlin fordert der Verwaltungsrat des Studierendenwerks in sei­ner Sitzung am 12. Oktober 2017 den Berliner Senat einstimmig dazu auf, „Akutmaßnahmen einzuleiten um eine Notunterkunft für Studierende zum Semesteranfang Oktober 2017/18 und fortlaufend zu bie­ten“. Während das Studierendenwerk sich bereit erklärt, „die Organisierung und Bewirtschaftung“ zu übernehmen, müsse der Senat die Finanzierung solcher Notunterkünfte tragen. Ungenutzte Liegenschaften könnten vom Senat oder den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden.

„Wir erachten die Forderung nach studentischen Notunterkünften als absolute Notlösung und keinen wünschenswerten Zustand“, merkt Annika Dierks (Referat für Hochschulpolitik, AStA FU) an. „Dennoch sehen wir uns angesichts der verfehlten Wohnungspolitik des Senats keine andere Möglichkeit, als auf die Forderung solch unbefriedigender Maßnahmen zurückzugreifen.“

Malte Arms (Referat für Hochschulpolitik, AStA BHT) fügt hinzu: „Um psychische Auswirkungen auf Stu­dierende in solchen Notunterkünften zu vermeiden, sind getrennte Zimmer mit jeweils nicht mehr als zwei Personen wünschenswert. Aus Notunterkünften für Geflüchtete wissen wir bereits, dass Schlafen in Turnhallen durch konstanten Lärmpegel bis in die Nacht hinein die Konzentrations­ und Aufnahmefä­higkeit hemmt. Für keinen Menschen ist dies ein erträglicher Zustand!“

Die LAK verwies bereits im Mai 2014 (1) auf die strukturelle Komponente der Wohnungsnot unter Studie­renden. In einer Stellungnahme kritisierte sie die unzulänglichen und verspäteten Bauvorhaben des Se­nats und forderte grundlegende Gesetzesänderungen u.a. bzgl. des sozialen Wohnungsbaus. Rückbli­ckend äußert sich Gabriel Tiedje (Referat für Hochschulpolitik, AStA TU):

„Maßnahmen wie die Mietpreisbremse erfüllen einfach nicht ihren Zweck. Der Senat lässt den Bau von überteuerten privaten Studierendenwohnheimen zu und baut selbst über die Berlinovo für 19,69 € den Quadratmeter. Private Wohnheimplätze werden inzwischen für bis zu 925 € vermietet. Diese Wohnungs ­politik ist doppelt problematisch – während sozial schwächere Studis auf dem privaten Wohnungsmarkt keine Unterkunft mehr finden, ziehen diese Preise vor allem finanziell starke Studierende an und die Mietpreise steigen weiter!”

Darüber hinaus ruft die LAK sämtliche Studierende auf, die derzeit von akuter Wohnungsnot betroffen sind, ihre persönlichen Berichte über „aussichtslose Wohnungssuche, prekäre Wohnsituationen und et­waige Wohnungslosigkeit“ einzusenden. Ziel ist es, die individuellen Schicksale der Wohnungsnot der Öffentlichkeit und die strukturelle Komponente der Problematik den Betroffenen sichtbar zu machen.

Dazu werden ausgewählte Berichte auf der Website veröffentlicht und auf Nachfrage Pressevertreter*in­nen Kontakte zu Betroffenen vermittelt.

Pressekontakt:
Robert Jung, Geschäftsstelle der LAK Berlin
0163 483 1656

(1) https://www.astafu.de/content/gemeinsames­statement­der­lak­berlin­der­initiative­studis­gegen­hohe­ mieten­studierende­als

Aufruf an alle von akuter Wohnungsnot betroffenen Studierenden

Einsendung persönlicher Berichte über aussichtslose Wohnungssuche, prekäre Wohnsituationen und etwaige Wohnungslosigkeit

Die LandesAstenKonferenz Berlin (LAK) ruft Studierende, die aktuell oder in den vergangenen Jahren einer prekären Wohnsituation oder drohender bis faktischer Wohnungs- bzw. Schlafplatzlosigkeit ausgesetzt sind bzw. waren, dazu auf, bis zum 30. November 2017 Berichte über ihre persönlichen Erfahrungen auf dem Berliner Wohnungsmarkt einzusenden.

Die LAK möchte die individuelle und oft prekäre Situation von Studierenden, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt von immer höher steigenden Mietpreisen abgehängt werden, sichtbar machen und damit auf bestehende Probleme in der Berliner Wohnungspolitik hinweisen. Darüber hinaus setzt sich die LAK für Notschlafplätze ein, um akute Schlafplatzlosigkeit unter Studierenden zukünftig zu verhindern.

Falls ihr also aktuell (oder in vergangener Zeit):

  • euer Studium nicht antreten könnt, weil ihr keine bezahlbare Wohnung findet;
  • ohne festen Schlafplatz von einer Couch zur nächsten tingelt;
  • langfristig in einem Hostel übernachtet; in einem sonstigen prekären Wohn- oder Mietverhältnis steckt;
  • von akuter Schlafplatz- oder Wohnungslosigkeit bedroht seid;
  • eine oder mehrere Nächte ohne Schlafplatz verbracht habt
  • oder ähnliche Erfahrungen gemacht habt,

schreibt uns euren persönlichen Erfahrungsbericht an:

aufruf@lak-berlin.de

Selbstverständlich gerne auch anonymisiert, und bestenfalls mit folgenden (freiwilligen) Informationen:

  • An welcher Hochschule studiert ihr?
  • Wie sieht eure aktuelle Wohnsituation aus? Habt ihr derzeit eine Wohnung oder zumindest einen Schlafplatz?
  • Dürfen wir euren Bericht (nach weiterer Absprache mit euch) online veröffentlichen?
  • Können wir eure e-Mail-Adresse auf einen internen Newsletterverteiler setzen, über den wir ggf. weitere Infos und Ankündigungen schicken würden?

Die LAK wird alle zugesandten Einzelfälle intern dokumentieren, bei Erlaubnis ausgewählte Berichte auf der Website www.lak-berlin.de veröffentlichen und bei Presseanfragen und aktuellen Ereignissen ggf. zu euch Kontakt aufnehmen.

LAK Berlin

PS: Ihr findet den öffentlichen PGP-Key für aufruf@lak-berlin.de auf dem Schlüsselserver

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