LandesAstenKonferenz Berlin Wohnen

Bericht: "Ich bin in der 17. Schwangerschaftswoche und wohne in einem 9m²-Zimmer in einer WG."

Eingesendet von Anja, FU-Studentin.

Ich bin in der 17. Schwangerschaftswoche und wohne in einem 9m²-Zimmer in einer WG. Da ich die Regelstudienzeit längst überschritten habe, finanziere ich meinen Lebensunterhalt als studentische Hilfskraft. Mein Freund bewohnt eine Einraumwohnung fernab der Universität, weshalb es keine Option ist, in diese zusammen zu ziehen, da wir ein Kind erwarten. Schon allein, um mich während der Schwangerschaft besser unterstützen zu können, wollen wir baldmöglichst zusammen ziehen und haben einen WBS beantragt. Mein Freund ist kein deutscher Staatsbürger, absolviert gerade seine Ausbildung und finanziert sich mit BAföG und aufstockend Sozialhilfe. Gerade erst haben wir erfahren, dass er – um einen WBS bewilligt zu bekommen – eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung vorweisen muss. Diese hat er leider nicht und um diese zu erhalten, muss er ein gesichertes Einkommen nachweisen können – so BAföG denn darunter zählt…

Unsere finanziell prekäre Lage scheint zu verhindern, dass wir in den Genuss eines WBS kommen – doch gerade diesen bräuchten wir dringend, um eine bezahlbare Wohnung für uns und das Baby haben können. Zudem drängt die Zeit, da ich im hochschwangeren Zustand beim Umzug nicht mehr helfen kann. Zusätzlich erschweren es die langen Wartezeiten auf Termine beim Bürgeramt, eine gute Beratung zu erhalten, was man in dieser Situation tun kann.

Bericht: "Der Kampf um die Wohnung war psychisch extrem belastend und oftmals der Grund, weshalb ich den Seminaren fernblieb."

Eingesendet von Josefin, ASH-Studentin.

Ich bin Josefin, 27 Jahre alt, staatlich anerkannte Erzieherin und Studentin. 2015 zog ich gut ausgebildet von Dresden nach Berlin und war glücklich darüber, genau den Arbeitsplatz zu bekommen, den es in Dresden nicht gab. Eine eigene Wohnung, so musste ich schnell feststellen, konnte ich mir von meinem ersten Gehalt jedoch nicht leisten, da Erzieher*innen nicht ausreichend bezahlt werden. Also komprimierte ich meine damalige 2-Raum Wohnung auf ein WG Zimmer, obwohl ich so eigentlich nicht mehr leben wollte, da ich wilde WG-Zeiten längst hinter mir gelassen hatte. Die Aussicht auf meine eigenen vier Wände schwand dahin und frustrierte mich zunehmend. Somit entschied ich mich dann doch für ein Studium, um später ein besseres Einkommen zu haben, wovon ich u.a. auch selbstbestimmt wohnen kann.

Heute studiere ich im 3. Semester an der Alice Salomon Hochschule und bereue den Schritt keinesfalls, obwohl ich nun noch weniger Geld zur Verfügung habe, als zuvor. BAföG bekomme ich nicht aufgrund meiner Vorausbildung und falle somit durch ein gesetzliches Raster. Meine Eltern können mich nicht unterstützen, aber mit diversen Jobs und einem Studienkredit komme ich über die Runden. In meiner WG habe ich mich mittlerweile auch gut eingelebt, allerdings müssen wir im März 2018 die Wohnung räumen. Die Eigentümer des Hauses haben Eigenbedarf angemeldet und diesen gerichtlich durchgesetzt. Real betrachtet heißt das, man tauscht uns gegen zahlkräftigere Mieter*innen aus, denn unser Kiez erfreut sich steigender Beliebtheit und Wohnraum ist hier Mangelware. Wo hohe Nachfrage besteht, kann man deutlich mehr Gewinn erzielen - dabei standen wir Altmieter *innen im Weg. Der Kampf um die Wohnung war psychisch extrem belastend und oftmals der Grund, weshalb ich den Seminaren fernblieb. Trotzdem habe ich die ersten Semester sehr gut abgeschlossen, worauf ich wirklich stolz bin.

Allmählich naht der Umzug mit großen Schritten, eine neue Wohnung habe ich noch nicht in Aussicht. Notfalls kann ich bei Freunden unterkommen. Der WBS lässt lang auf sich warten und fraglich ist sowieso, ob sich damit die Chancen auf eine bezahlbare Wohnung erhöhen. Bezirke, die als neue Wohnumgebung in Frage kämen, sind total dicht und maßlos überteuert. Wahrscheinlich muss ich weiter wegziehen und lange Fahrtwege zu Freunden, Ehrenamt, Hobbys und Uni in Kauf nehmen. Es ärgert mich, dass keine bezahlbaren Wohnungen gebaut werden und Menschen mit geringem Einkommen mehr und mehr aus ihrem Sozialen Umfeld gedrängt werden, indem sie ihren Kiez verlassen müssen. Faktisch besteht kaum noch Wahlrecht, in welchen Bezirk man ziehen möchte, muss viel mehr nehmen was man kriegen kann. Durch mein Engagement in einer politischen Gruppe, die von Zwangsräumung Bedrohte unterstützt, kenne ich viele solcher Schicksalsfälle. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum die Politik den Investor*innen und Eigentümer *innen freie Hand lässt, den Wohnungsmarkt nach ihrem Gusto zu gestalten. Zudem ist die Rechtssprechung über Jahre hinweg immer mieter *innenunfreundlicher geworden und lässt krude Praktiken zu, um Menschen zu verdrängen. Die Tatsache, dass studentische Notunterkünfte gefordert werden müssen, finde ich wirklich erschreckend. Wohnraum ist eines der wichtigsten Grundbedürfnisse eines jeden Menschen und sollte keine Ware sein! Die Politik muss endlich aus der Schockstarre erwachen und handeln. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum auch für all jene, die studieren oder in Ausbildung sind, die von Transferleistungen leben, ein knappes Einkommen haben und sich mit prekärer Beschäftigung über Wasser halten.

Bericht: "Ich kam mir vor wie in einer schlechten Castingshow – es war die Rede von Favoritenlisten, Pluspunkten und Finale."

Eingesendet von Katharina, FU-Studentin.

Am 21.09. fand ich endlich die langersehnte Zusage für den Master an der FU in meinem Briefkasten. Die Freude darüber war groß – wurde jedoch schnell von einem großen Problem überschattet: Der Wohnungssuche. Durch die Kurzfristigkeit der Zusage - kein Nachrückverfahren, sondern der von der FU als regulär angegebene Rückmeldezeitraum – war es mir kaum möglich, im Vorfeld nach einer Bleibe zu suchen. Mir war klar, dass die Suche nicht einfach werden würde und der Oktober sicherlich der ungünstigste Zeitpunkt ist, jedoch hatte ich keine Wahl, da mein vorheriger Studienort über 300 km von Berlin entfernt ist. Also begann eine tägliche Routine: WG-gesucht.de konsultieren, Facebook-Gesuche veröffentlichen und alle neuen Bekanntschaften an der Uni zunächst zu fragen, ob sie vielleicht jemanden kennt, der jemanden kennt, der jemanden kennt… Bei vielen sieht die Situation jedoch ähnlich aus. Ich habe noch Glück im Unglück, da ich zunächst im WG Zimmer meines Freundes unterkommen konnte; andere sind jedoch gezwungen, horrende Summen für Hostels oder Zwischenmieten auszugeben.

Dennoch ist dies natürlich keine Dauerlösung: 14 Quadratmeter für zwei Personen ist schlicht zu wenig, ganz abgesehen davon, dass ich von dem Hauptmieter zwar geduldet werde, jedoch natürlich erwartet wird, dass ich zeitnah eine eigene Unterkunft finde. Nahezu mein ganzer Besitz befindet sich in Kartons einige hundert Kilometer entfernt, ich habe keinen eigenen Schreibtisch und habe das Gefühl, ständig irgendjemanden auf die Nerven zu gehen und nur geduldet zu werden – keine optimalen Startbedingungen für ein erfolgreiches Studium.

Inzwischen habe ich aufgehört zu zählen, wie viele WG-Anfragen ich geschrieben habe, es dürften wohl an die 100 sein. In vielleicht zehn Prozent der Fälle erhalte ich Antworten, wenn auch zum Teil recht unerfreuliche: Da ist die Miete plötzlich doch höher, der Zeitraum befristet oder die Mitbewohnner_innen plötzlich nicht mehr Mitte 20, sondern Mitte 50. Hinzu kommen einige dubiose Angebote, deren Intention sich eindeutig auf den zweiten Teil eines Wohnverhältnisses bezieht.

Um die Chancen zu erhöhen, fahre ich mehrgleisig und schaue parallel in zwei Konstellationen mit Mitstreiterinnen nach einer Wohnung zwecks einer WG-Neugründung und einer gemeinsamen Wohnung zusammen mit meinem Freund. Auch hier ist die Erfolgsquote bisher mehr als gering: Wohngemeinschaften werden häufig schon in der Beschreibung kategorisch ausgeschlossen, eigene Einkünfte in Höhe der dreifachen Monatsmiete gefordert oder Bürgschaften prinzipiell abgelehnt. Immerhin habe ich das Glück, überhaupt über eine zu verfügen. Hier zeigt sich wieder einmal die starke Abhängigkeit von den Eltern – wer schlechter verdienende hat, wird systematisch benachteiligt. Dies ist auch auf die Mietpreise bezogen: Meine Schmerzgrenze für die monatliche Miete liegt bei 400 Euro – viel Geld für ein Zimmer und anteilige Gemeinschaftsräume, oft jedoch nicht einmal für 10 Quadratmeter genug. Ich selbst erhalte zwar kein Bafög, sondern Unterhalt von meinen Eltern und arbeite neben dem Studium, jedoch sei an dieser Stelle angemerkt, dass die dabei veranschlagte Pauschale von 250 Euro schlicht unrealistisch ist.

Auch Besichtigungen sind kein Spaß: Zunächst kommt der Terminvorschlag, den man sich gar nicht abzulehnen traut vor lauter Angst, dann gleich wieder ausgeladen zu werden. Hat man es dann geschafft, die Adresse zu finden und während des Gesprächs geradezu detektivisch darauf zu achten, ja nichts falsch zu machen, die Erwartungen zu erfassen und diesen ungefähr zu entsprechen, wartet man oft vergeblich auf eine Rückmeldung. Zwei Mal hatte ich das Gefühl, dass es wirklich gut gelaufen war – und hörte nie wieder etwas, nicht mal eine Absage. Ein anderes Mal wurde ich mit einer Rückmeldung immer wieder auf den darauffolgenden Tag vertröstet – nach dem fünften habe ich aufgehört zu fragen. Ein dritter schließlich inszenierte eine Spannung, bei der ich mir vorkam wie einer schlechten Castingshow – es war die Rede von Favoritenlisten, Pluspunkten und Finale.

So suche ich nun bereits seit fast einem Monat, täglich und gemischten Gefühlen. Ständig mit einer Hand am Smartphone, um ja keine wichtige Nachricht im entscheidenden Moment zu verpassen und immer wieder mit potentiellen schnellen Veränderungen konfrontiert, die sich dann wieder zerschlagen. Das macht das Ankommen schwer. Gern würde ich auch in einen Sportverein eintreten, da ich jedoch nicht weiß, in welchen Stadtteil ich letztlich lande, wäre das aktuell wenig sinnvoll. So suche ich weiter (was bleibt mir auch Anderes übrig) und hoffe, dass sich sowohl für mich persönlich als auch für die vielen anderen Studierenden bald etwas ändert und dieses Problem mehr politische Aufmerksamkeit findet.

Pressemitteilung: LAK Berlin reagiert auf akute Wohnungsnot unter Studierenden

Die LandesAstenKonferenz Berlin (LAK) fordert den Berliner Senat auf, kurzfristig Notunterkünfte für Studierende einzurichten. Damit reagiert die LAK auf steigende Wohnungslosigkeit unter Stu­dierenden, die zum Wintersemesterbeginn 2017 neue Ausmaße annimmt. Darüber hinaus ruft die LAK betroffene Studierende dazu auf, persönliche Erfahrungsberichte über prekäre Wohnsituatio­nen und Wohnungslosigkeit einzusenden.

Auf Initiative der LandesAstenKonferenz Berlin fordert der Verwaltungsrat des Studierendenwerks in sei­ner Sitzung am 12. Oktober 2017 den Berliner Senat einstimmig dazu auf, „Akutmaßnahmen einzuleiten um eine Notunterkunft für Studierende zum Semesteranfang Oktober 2017/18 und fortlaufend zu bie­ten“. Während das Studierendenwerk sich bereit erklärt, „die Organisierung und Bewirtschaftung“ zu übernehmen, müsse der Senat die Finanzierung solcher Notunterkünfte tragen. Ungenutzte Liegenschaften könnten vom Senat oder den Hochschulen zur Verfügung gestellt werden.

„Wir erachten die Forderung nach studentischen Notunterkünften als absolute Notlösung und keinen wünschenswerten Zustand“, merkt Annika Dierks (Referat für Hochschulpolitik, AStA FU) an. „Dennoch sehen wir uns angesichts der verfehlten Wohnungspolitik des Senats keine andere Möglichkeit, als auf die Forderung solch unbefriedigender Maßnahmen zurückzugreifen.“

Malte Arms (Referat für Hochschulpolitik, AStA BHT) fügt hinzu: „Um psychische Auswirkungen auf Stu­dierende in solchen Notunterkünften zu vermeiden, sind getrennte Zimmer mit jeweils nicht mehr als zwei Personen wünschenswert. Aus Notunterkünften für Geflüchtete wissen wir bereits, dass Schlafen in Turnhallen durch konstanten Lärmpegel bis in die Nacht hinein die Konzentrations­ und Aufnahmefä­higkeit hemmt. Für keinen Menschen ist dies ein erträglicher Zustand!“

Die LAK verwies bereits im Mai 2014 (1) auf die strukturelle Komponente der Wohnungsnot unter Studie­renden. In einer Stellungnahme kritisierte sie die unzulänglichen und verspäteten Bauvorhaben des Se­nats und forderte grundlegende Gesetzesänderungen u.a. bzgl. des sozialen Wohnungsbaus. Rückbli­ckend äußert sich Gabriel Tiedje (Referat für Hochschulpolitik, AStA TU):

„Maßnahmen wie die Mietpreisbremse erfüllen einfach nicht ihren Zweck. Der Senat lässt den Bau von überteuerten privaten Studierendenwohnheimen zu und baut selbst über die Berlinovo für 19,69 € den Quadratmeter. Private Wohnheimplätze werden inzwischen für bis zu 925 € vermietet. Diese Wohnungs ­politik ist doppelt problematisch – während sozial schwächere Studis auf dem privaten Wohnungsmarkt keine Unterkunft mehr finden, ziehen diese Preise vor allem finanziell starke Studierende an und die Mietpreise steigen weiter!”

Darüber hinaus ruft die LAK sämtliche Studierende auf, die derzeit von akuter Wohnungsnot betroffen sind, ihre persönlichen Berichte über „aussichtslose Wohnungssuche, prekäre Wohnsituationen und et­waige Wohnungslosigkeit“ einzusenden. Ziel ist es, die individuellen Schicksale der Wohnungsnot der Öffentlichkeit und die strukturelle Komponente der Problematik den Betroffenen sichtbar zu machen.

Dazu werden ausgewählte Berichte auf der Website veröffentlicht und auf Nachfrage Pressevertreter*in­nen Kontakte zu Betroffenen vermittelt.

Pressekontakt:
Robert Jung, Geschäftsstelle der LAK Berlin
0163 483 1656

(1) https://www.astafu.de/content/gemeinsames­statement­der­lak­berlin­der­initiative­studis­gegen­hohe­ mieten­studierende­als

Aufruf an alle von akuter Wohnungsnot betroffenen Studierenden

Einsendung persönlicher Berichte über aussichtslose Wohnungssuche, prekäre Wohnsituationen und etwaige Wohnungslosigkeit

Die LandesAstenKonferenz Berlin (LAK) ruft Studierende, die aktuell oder in den vergangenen Jahren einer prekären Wohnsituation oder drohender bis faktischer Wohnungs- bzw. Schlafplatzlosigkeit ausgesetzt sind bzw. waren, dazu auf, bis zum 30. November 2017 Berichte über ihre persönlichen Erfahrungen auf dem Berliner Wohnungsmarkt einzusenden.

Die LAK möchte die individuelle und oft prekäre Situation von Studierenden, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt von immer höher steigenden Mietpreisen abgehängt werden, sichtbar machen und damit auf bestehende Probleme in der Berliner Wohnungspolitik hinweisen. Darüber hinaus setzt sich die LAK für Notschlafplätze ein, um akute Schlafplatzlosigkeit unter Studierenden zukünftig zu verhindern.

Falls ihr also aktuell (oder in vergangener Zeit):

  • euer Studium nicht antreten könnt, weil ihr keine bezahlbare Wohnung findet;
  • ohne festen Schlafplatz von einer Couch zur nächsten tingelt;
  • langfristig in einem Hostel übernachtet; in einem sonstigen prekären Wohn- oder Mietverhältnis steckt;
  • von akuter Schlafplatz- oder Wohnungslosigkeit bedroht seid;
  • eine oder mehrere Nächte ohne Schlafplatz verbracht habt
  • oder ähnliche Erfahrungen gemacht habt,

schreibt uns euren persönlichen Erfahrungsbericht an:

aufruf@lak-berlin.de

Selbstverständlich gerne auch anonymisiert, und bestenfalls mit folgenden (freiwilligen) Informationen:

  • An welcher Hochschule studiert ihr?
  • Wie sieht eure aktuelle Wohnsituation aus? Habt ihr derzeit eine Wohnung oder zumindest einen Schlafplatz?
  • Dürfen wir euren Bericht (nach weiterer Absprache mit euch) online veröffentlichen?
  • Können wir eure e-Mail-Adresse auf einen internen Newsletterverteiler setzen, über den wir ggf. weitere Infos und Ankündigungen schicken würden?

Die LAK wird alle zugesandten Einzelfälle intern dokumentieren, bei Erlaubnis ausgewählte Berichte auf der Website www.lak-berlin.de veröffentlichen und bei Presseanfragen und aktuellen Ereignissen ggf. zu euch Kontakt aufnehmen.

LAK Berlin

PS: Ihr findet den öffentlichen PGP-Key für aufruf@lak-berlin.de auf dem Schlüsselserver

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